Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe

12.10.2011
Estland beschäftigt sich bereits seit 1998 mit der
Entwicklungszusammenarbeit, die einen wichtigen Bereich seiner
Außenpolitik darstellt. Nach dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr
2004 wurde Estland nun endgültig zu einem Geberstaat, und seither setzt
es sich neben anderen Staaten für die Erhöhung der Stabilität und des
Wachstums in der Welt ein.
Die Entwicklungszusammenarbeit hat zum Ziel, Demokratie,
Stabilität, Sicherheit und Wohlstand in Europa und in anderen Teilen der
Welt zu erreichen und zu garantieren, und trägt zugleich dazu bei, die
Armut zu bekämpfen. Diese Ziele bilden auch die Grundprinzipien der
estnischen Entwicklungshilfe. Darüber hinaus richtet sich die estnische
Entwicklungspolitik nach den internationalen Abkommen und den
Zielvorgaben wie die Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen
und die Beschlüsse der Europäischen Union im Bereich der
Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe.
Als Grundlage der estnischen
Entwicklungszusammenarbeit dienen die vom Parlament am
15. Januar 2003 angenommenen „Grundsätze der
Entwicklungszusammenarbeit Estlands“. Das Dokument legt die Kernziele
und die Prioritäten der Entwicklungszusammenarbeit sowie
unterschiedliche Formen ihrer Umsetzung fest. Um die estnische
Entwicklungszusammenarbeit noch transparenter und vorhersehbarer zu
gestalten, verabschiedete die Regierung einen „Entwicklungsplan der
Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe Estlands für die Jahre
2011-2015“. Es ist bereits die zweite Konzeption der
Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe des Landes, die konkret
die relevantesten Tätigkeitsbereiche Estlands definiert wie auch die
wichtigsten Partnerstaaten und internationalen Organisationen der
Entwicklungszusammenarbeit bis zum Jahr 2015 bestimmt. Im Vergleich zum
ersten Plan ist Estland bestrebt, seine Entwicklungshilfe besser zu
planen und ein detaillierteres Konzept für die Überwachung und
Evaluierung der Hilfsmaßnahmen aufzustellen. Die
prioritären Bereiche der estnischen Entwicklungshilfe sind in den
letzten Jahren im Großen und Ganzen gleich geblieben und auch in den
neuen Entwicklungsplan übernommen worden. Dazu gehören die Förderung
menschlicher Entwicklung, die Verbesserung des Zugangs zur Bildung und
der Lage von Frauen und Kindern (Gesundheit und Rechte) sowie die
Hilfestellung bei der Etablierung demokratischer und administrativer
Strukturen und die Förderung der nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung.
Das Hauptgewicht der bilateralen Hilfe Estlands konzentriert sich in
erster Linie auf sechs Partnerstaaten der Europäischen
Nachbarschaftspolitik (Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldau, die
Ukraine, Belarus) und auf Afghanistan. Bei der Auswahl von
Partnerstaaten richtete sich Estland danach, welche konkreten
Bedürfnisse diese Staaten haben und welchen Mehrwert estnische Hilfe bei
der Entwicklung dieser Staaten anbieten kann. Estland vertritt das
Grundprinzip der Entwicklungszusammenarbeit, dass jedes Land selbst die
Verantwortung für seine eigene Entwicklung trägt.
Unsere Zusammenarbeit beruht auf zwischenstaatlicher
Partnerschaft und beiderseitigen Interessen und setzt den Schwerpunkt,
bei der Realisierung globaler Zielvorgaben Beistand zu leisten. Zur
Verwirklichung dieser Ziele bietet Estland hauptsächlich technische
Hilfe oder Know-how in jenen Bereichen an, in denen Estland selbst beim
Aufbau des Staates und seiner Strukturen erfolgreich gewesen ist und in
denen es über spezielle eigene Erfahrungen verfügt, die es bei der
Unterstützung der Staaten, die ähnliche Reformen durchführen
(Wirtschaftsreformen, Nutzung der Informationstechnologie in den
Regierungsstrukturen, Integration in internationale Organisationen sowie
Förderung der Etablierung demokratischer Institutionen), nutzbringend
einsetzen kann. Die zunehmende Anzahl der bilateralen und multilateralen
entwicklungspolitischen Vorhaben spricht dafür, dass der von Estland
gewählte Weg richtig ist. Unsere Partnerstaaten schätzen die neutrale
Herangehensweise Estlands und sein vertieftes Hintergrundwissen über die
Zielstaaten bei der Umsetzung der Projekte der
Entwicklungszusammenarbeit. Die Mittel zur
Finanzierung der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe sind
hauptsächlich im Haushalt des Außenministeriums und Finanzministeriums
veranschlagt. Im Jahr 2010 wurden dafür über
14 Mio. EUR bereitgestellt, die 0,1 % des
Bruttonationaleinkommens (BNE) ausmachen. Die Regierung Estlands zielt
darauf ab, den von der Europäischen Union vorgeschlagenen, für die
Entwicklungshilfe zu erbringenden Satz von 0,33 % bis zum Jahr
2015 zu erreichen. Zu den wichtigsten Empfängern
der aus dem Haushalt des Außenministeriums finanzierten bilateralen
Entwicklungshilfe gehören die Bürgervereinigungen, die die wesentlichen
Partner bei der Gestaltung der Entwicklungspolitik und bei der Umsetzung
der entwicklungspolitischen Projekte sind. Seit 2003 verbindet der
Runde Tisch der Entwicklungszusammenarbeit die in diesem Bereich tätigen
Nichtregierungsorganisationen, die etwa ein Drittel der bilateralen
Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe
umsetzen. Neben der Förderung der wirtschaftlichen
und sozialen Entwicklung seiner wichtigsten Partnerstaaten leistet
Estland zudem auch den Staaten humanitäre Hilfe, die von
Naturkatastrophen betroffen oder von bewaffneten Konflikten heimgesucht
wurden. Humanitäre Hilfe als reinste Form der Solidarität zwischen den
Menschen und Staaten ist ebenfalls ein untrennbarer Teil der estnischen
Entwicklungszusammenarbeit. Seit 1998 leistet
Estland den Opfern von verschiedenen Natur- und von Menschen
verursachten Katastrophen zunehmend humanitäre Hilfe. Bisher hat Estland
vorwiegend über die humanitären Organisationen der Vereinten Nationen
und über das Rote Kreuz 20 Ländern humanitäre Hilfe bereitgestellt, aber
auch bilaterale humanitäre Hilfe über seine
Nichtregierungsorganisationen geleistet oder das estnische Rettungsteam
bzw. seine Mitglieder in ein Katastrophengebiet entsandt. Zum Beispiel
unterstützte Estland Indonesien, China und Haiti bei der Beseitigung von
Erdbebenfolgen und setzte sich zur Verbesserung der Situation von
Flüchtlingen und Binnenvertriebenen in Afghanistan, Sri Lanka,
Birma/Myanmar, Simbabwe, Kirgisistan, Pakistan, im Sudan und in der
Demokratischen Republik Kongo wie auch der Einwohner im Irak, in
Georgien, Kenia und im Gaza-Streifen nach den Waffenkonflikten ein.
Ferner stellte Estland in den letzten Jahren Moldau, der Ukraine,
Georgien, Polen und Russland bilaterale materielle humanitäre Hilfe zur
Verfügung. Seit Dezember 2006 ist das Estnische Amt für
Rettungswesen Mitglied des internationalen Hilfsbündnisses
International Humanitarian
Partnership (IHP), das in den Krisengebieten
weltweit den Vereinten Nationen logistische Unterstützung leistet. 2009
beteiligten sich estnische Experten im Rahmen des IHP an den Missionen
in Namibia und Indonesien, 2010 in Haiti und Pakistan.
Estland unterstützt zudem durch etatmäßige Zahlungen aktiv die
Arbeit verschiedener internationaler Organisationen (Organisationen und
Fonds der Vereinten Nationen, einschließlich des Internationalen
Komitees vom Roten Kreuz) und fühlt sich verpflichtet, zur Stärkung des
humanitären Systems der Vereinten Nationen beizutragen, mit dem Ziel,
eine vorhersehbarere und wirksamere humanitäre Hilfe zu gewährleisten.
Im Jahr 2009 hatte Estland die Vizepräsidentschaft des Wirtschafts-und
Sozialrats der Vereinten Nationen inne und war mitverantwortlich für die
Durchführung der weltweit auf der Tagesordnung der globalen humanitären
Agenda stehenden Diskussionen. In den Jahren 2011-2013 ist Estland
Vorstandsmitglied des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF.
2009-2010 hatte Estland zusammen mit Irland den Vorsitz einer wichtigen
Gebergruppe „Gute Humanitäre Geberschaft“ inne. Während des Vorsitzes
wurden engagiert die Grundprinzipien der humanitären Hilfe verbreitet,
um die Anzahl der Geberstaaten, die sich zu den humanitären Prinzipien
bekennen, zu vergrößern. Die Vorsitzführung Estlands gemeinsam mit
Irland in einer Organisation mit 35 Gebern bedeutete einen Meilenstein
in der estnischen Entwicklungszusammenarbeit. Die Möglichkeit,
mit einem so erfahrenen Geberstaat wie Irland zusammenzuwirken, hat uns
geholfen, neue praktische Kenntnisse und Wissen in diesem Bereich zu
erwerben. Neben der Leistung von Entwicklungs- und
humanitärer Hilfe ist ein wichtiges Anliegen des Außenministeriums, die
Bevölkerung Estlands über unsere eigenen Vorhaben wie auch ganz
allgemein über die globalen Ereignisse zu informieren. Der Fokus richtet
sich auf die jungen und aktiven Mitglieder der Zivilgesellschaft. Im
Laufe der Jahre hat das Außenministerium zivilgesellschaftliche Projekte
gefördert, mit dem Ziel, das öffentliche Bewusstsein über die Bedeutung
der Entwicklungszusammenarbeit zu sensibilisieren. Darüber hinaus hat
das Außenministerium die Arbeit estnischer Freiwilliger in den
Entwicklungsländern finanziert. So sind zum Beispiel seit 2005 estnische
Freiwillige im Rahmen des globalen Bildungsnetzwerks GLEN jedes Jahr in
den Entwicklungsländern tätig gewesen und haben anschließend
Informationsveranstaltungen in Estland durchgeführt. Es ist bereits zur
alljährlichen Tradition geworden, in Kooperation mit vielen Partnern und
der Plattform der Nichtregierungs-Entwicklungshilfeorganisationen eine
Familien-Veranstaltung „Maailmapäev“ (Welttag) in der Innenstadt
Tallinns durchzuführen. Des Weiteren sind im Laufe der Jahre etliche
Filme gedreht und Informationsmaterialien erstellt worden, die von
Schulen bei der Behandlung des Themenfeldes Globales Lernen verwendet
werden können. Neben den Schulen wird an den Universitäten den Themen
der Entwicklungszusammenarbeit mehr Aufmerksamkeit gewidmet.
Den durchgeführten Meinungsumfragen zufolge ist das
Hauptmotiv der sich in der Entwicklungszusammenarbeit engagierenden
Einwohner Estlands die Unterstützung von Menschen, die Hilfe brauchen.
Die Meinungsführer geben am häufigsten die moralische Verpflichtung als
Grund für die Hilfeleistung an, ferner, dass durch die
Entwicklungszusammenarbeit der Frieden und die Sicherheit gewährleistet
werden können, und dass Estland bereits gut genug entwickelt ist, um
anderen helfen zu können. Um die Anzahl der jungen, in der
Entwicklungszusammenarbeit versierten und agierenden Menschen zu
erhöhen, setzt das Außenministerium die Kooperation mit den
Organisationen nachhaltig fort, die auf dem Gebiet des Globalen Lernens
von Jugendlichen tätig sind. Die Östliche Partnerschaft der Europäischen Union
Wie bereits vorstehend erwähnt, konzentriert sich die
estnische Entwicklungszusammenarbeit auf unsere Nachbarschaft, und zwar
auf unsere östlichen Partnerstaaten Armenien, Aserbaidschan, Georgien,
Moldau, die Ukraine und Belarus. Diese Länder stehen in ihrer
Entwicklung noch vor großen Herausforderungen wie etwa vor der
Verringerung der Armut, dem Ausbau des wirtschaftlichen Potenzials, der
Förderung der demokratischen Institutionen, der Verbesserung der
Verwaltungskapazitäten und der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung.
Gemäß dem Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen
gehören sie außerdem zu den ärmsten Ländern des europäischen
Kontinents. Der weitere Fortschritt der östlichen
Nachbarn ist angesichts der Sicherung der stabilen und friedlichen
Entwicklung in der gesamten Region von Belang und er hat einen hohen
Stellenwert bei der Erreichung der außen-, sicherheits- und
wirtschaftspolitischen Vorgaben Estlands. Bezogen auf die Bedürfnisse
des einzelnen Staates und ausgehend von den Möglichkeiten Estlands
unterscheidet sich die Intensität der bilateralen Zusammenarbeit von
Staat zu Staat. Eine wichtige Institution bei der
Umsetzung der genannten Entwicklungszusammenarbeit, insbesondere bei der
die gesamte Region umfassenden Tätigkeit, ist das Estnische Zentrum der
Östlichen Partnerschaft, das im Januar 2011 in Tallinn eingerichtet
wurde und das den Bediensteten aus den Ländern der Östlichen
Partnerschaft der Europäischen Union Ausbildungsmöglichkeiten
anbietet. Das Hauptgewicht der estnischen
Entwicklungszusammenarbeit für die Jahre 2011-2015 liegt auf der
Vermittlung unserer Erfahrungen im Bereich der Sozial-, Regierungs- und
Verwaltungsreformen, da dafür in den Ländern der Östlichen Partnerschaft
das größte Interesse und der größte Bedarf zu verzeichnen
ist.  Afghanistan
gehört seit 2006 zu einem der vorrangigen Partnerstaaten der estnischen
Entwicklungszusammenarbeit und wird es gemäß dem „Entwicklungsplan der
Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe Estlands für die Jahre
2011-2015” auch demnächst bleiben. In Afghanistan herrscht ein großes
Bedürfnis nach Hilfe, und von Estland wird jegliche Unterstützung in dem
Land, das zu den ärmsten Ländern der Erde zählt, erwartet. Die
finanzielle Entwicklungshilfe Estlands betrug im Zeitraum von 2006 bis
zum Ende 2010 2,1 Mio. EUR, und in dem neuen
Entwicklungsplan ist ein Zuwachs an Hilfeleistungen vorgesehen. Estland
engagiert sich hauptsächlich in den Bereichen Gesundheit,
Bildung und gute Regierungsführung.
Seit März 2008 ist ein estnischer Gesundheitsexperte in der
Stadt Lashkar Gah in der Provinz Helmand tätig. Er berät das Team der
Entwicklungshelfer aus dem Vereinigten Königreich und die Regierung der
Provinz Helmand beim Ausbau des Gesundheitswesens und verwirklicht die
estnischen entwicklungspolitischen Projekte vor Ort. Im Jahr
2011 setzen eine estnische Gesundheitsberaterin und die
Non-Profit-Organisation MTÜ Mondo mit Unterstützung des
Außenministeriums die Aus- und Fortbildung der im Gesundheitswesen
tätigen Erwachsenen und die Berufsausbildung des Gesundheitspersonals in
der Provinz Helmand fort. Darüber hinaus werden in der trilateralen
Kooperation die von der Regierung Griechenlands zur Verfügung gestellten
300 000 EUR dafür eingesetzt, um in der Provinz Helmand die
Infrastruktur im Gesundheitswesen auszubauen und in Lashkar Gah ein
Ausbildungszentrum des Gesundheitswesens zu errichten.
In Kabul pflegen wir im Bereich Bildung eine enge
Zusammenarbeit mit dem Afghanistan-Zentrum an der Universität Kabul,
indem wir zur Veröffentlichung neuer Bücher beitragen und Konsultationen
bezüglich der IT-Infrastruktur anbieten. Eine enge Kooperation
verbindet zehn estnische und afghanische Schulen im Rahmen eines
Schulpartnerschaftsprojekts. Estland unterstützt
das afghanische Friedens- und Reintegrationsprogramm
und der estnische Beitrag in Höhe von 31 956 EUR wurde in einen
Treuhandfonds eingezahlt. Ferner wird mehr Gewicht darauf gelegt, die
Verwaltungsfähigkeit der Staatsbediensteten und
Diplomaten voranzubringen. Im Jahr 2010 nahmen afghanische Diplomaten an
einer Schulung in Estland teil. Seit 2008 beteiligen sich estnische
Polizisten an der EU-Polizeimission in Afghanistan (EUPOL Afghanistan),
und seit 2010 nehmen vier estnische Polizeiausbilder an der
NATO-Ausbildungsmission in Afghanistan (NTM-A) in der Provinz Kandahar
teil.
 
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