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Sport

14.09.2007

Wir Esten sind in den fünfzehn Jahren unserer Selbstständigkeit reicher und selbstbewusster geworden, aber auch der Individualismus und die damit einhergehenden Übel wie z. B. Skrupellosigkeit und Gleichgültigkeit haben zugenommen. Die besten Mittel, um diese Übel zu überwinden, sind gemeinsame Erlebnisse sportlichen Erfolges. Erreicht ein Landsmann in Sportarenen etwas Außergewöhnliches, so weht ein Meer blau-schwarz-weißer Fahnen, treten Meinungsverschiedenheiten und interne Unstimmigkeiten in den Hintergrund, und unser Volk verspürt einen besonders starken Zusammenhalt.

Das Jahr 2006 bot uns außerordentlich viele sportliche Erfolgserlebnisse. Unsere Sportfans konnten kaum glauben, dass unser Land, dessen Einwohnerzahl so gering ist, mehr Medaillen bei den Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften gewann als jemals zuvor.

Bei der Winterolympiade in Turin wurde die fünfzehnjährige beharrliche und kluge Arbeit unserer Langläufer gekrönt. Bereits im Vorfeld der Olympischen Spiele hatten die Sportler Kristina Šmigun, Andrus Veerpalu und Jaak Mae bei den Skiläufern Norwegens, Schwedens, Finnlands, Deutschlands und Russlands große Aufmerksamkeit erregt. Dennoch erklang drei Mal in Turin die estnische Hymne zu Ehren unserer Olympiasieger, und dies war deutlich mehr als in unseren kühnsten Träumen erhofft.

Kristina Šmigun wurde mit ihren zwei Goldmedaillen zur Heldin der Spiele. Die aus einer Skiläuferfamilie stammende Estin war in Wintersportkreisen bereits seit zehn Jahren bekannt, aber bei den wichtigsten Wettkämpfen - auf Olympiaden - war bei ihr stets etwas schief gelaufen. Nun aber strahlte Šmigun vor Glück. Der Siegeszug setzte sich bereits einen Tag nach dem zweiten Sieg von Šmigun fort, als Andrus Veerpalu seine Medaillensammlung mit einer zweiten Goldmedaille vergrößerte.

Die Nachrichtenagenturen der Welt äußerten sich verblüfft, dass Einwohner der südestnischen Kleinstadt Otepää drei Goldmedaillen erkämpften – mehr als Norwegen, Finnland, Russland und Deutschland. Veerpalu, der bei der Winterolympiade in Salt Lake City 2002 sowohl eine Gold- als auch eine Silbermedaille gewonnen hatte, wurde damit zugleich zum erfolgreichsten Olympioniken der estnischen Sportgeschichte. Die sportliche Leidenschaft des Vaters von vier Kindern ist jedoch ungebrochen: Auch bei der Winterolympiade 2010 in Vancouver will er wieder an den Start gehen.

Andrus Veerpalu Andrus Veerpalu und Kristina Šmigun

Als die Esten am Anfang des 20. Jahrhunderts ersehnten, sich von der Macht des zaristischen Russlands zu befreien, wurden ihre Freiheitsideale von Dichtern und Künstlern lebendig gehalten. Eine bedeutende Rolle spielten aber auch unsere Athleten mit Georg Lurich an der Spitze. Während der ersten Selbständigkeitsperiode waren unsere berühmtesten Sportler Ringer, allen voran Kristjan Palusalu. Der einer Bauernfamilie entstammende sympathische Sportler gewann im Jahr 1936 bei den  Olympischen Spielen in Berlin zwei Goldmedaillen sowohl im griechisch-römischen Ringkampf als auch im Freistilringen. Die glanzvolle Tradition unserer Ringer währte bis Anfang der 1950er Jahre.

Im Herbst 2006 ging unverhofft ein neuer Stern am Ringerhimmel auf: Heiki Nabi wurde in China im Schwergewicht des griechisch-römischen Ringkampfes zum Weltmeister gekrönt. Schon wird in dem 20-jährigen jungen Mann der Klon von Palusalu gesehen: Auch er stammt aus der Landbevölkerung und tritt zurückhaltend und würdig auf.

Estnische Autosportenthusiasten fieberten über Jahre hinweg mit dem Rallyefahrer Markko Märtin und dessen englischem Kartenleser Michael Park. Im Jahr 2002 wurden sie ins Ford-Team aufgenommen und bereits in der nachfolgenden Saison wurden Märtin und Park zu deren Teamleadern.
Märtin und Park bildeten ein ideales Gespann und wurden enge Freunde. Der Brite glaubte, dass sein estnischer Partner in der Lage sei, um den WM-Titel mitzukämpfen. Jedoch im Herbst 2005, als das Rallyegespann eine fast perfekte Zusammenarbeit erreicht hatte, geschah auf den Straßen von Wales ein tragischer Unfall. Märtin kam vom Weg ab und sein Kartenleser verunglückte tödlich. Zu Ehren des Briten wurde in Tallinn ein Denkmal errichtet und seither werden zu seinen Ehren Gedenkwettkämpfe veranstaltet. Sein Zusammenspiel mit Märtin war fast perfekt, was ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit der Europäer darstellt.

Heute wird die Zusammenarbeit zwischen Estland und Großbritannien in einer anderen Autosportart fortgesetzt, denn Marko Asmer ist im englischen Team HiTech auf der Jagd nach dem britischen Meistertitel in der Formel-3. Diese Formel diente bereits für viele heute berühmte Formel-1-Fahrer als Sprungbrett. Der Eigentümer des HiTech-Teams David Hayle glaubt an die Fähigkeiten Asmers und auch alle seine Fans träumen von dem Tag, an dem der erste Este die Chance erhält, an den Weltmeisterschaftsläufen der Formel-1 teilzunehmen.

Nach Erki Nool, der in den 1990er Jahren den estnischen Sport in Europa am meisten bekanntmachte und im Jahr 2000 in Sydney zum Olympiasieger des Zehnkampfs gekrönt wurde, stiegen der Speerwerfer Andrus Värnik und der Diskuswerfer Gerd Kanter in die Weltklasse auf. Värnik gewann 2005 bei den Weltmeisterschaften in Helsinki eine Goldmedaille. Kanter, der in Helsinki eine Silbermedaille erkämpfte, wurde 2007 bei den Weltmeisterschaften in Osaka Weltmeister. Jetzt hat sich der 28-jährige Diskuswerfer ein hohes Ziel gesetzt: Er möchte einen neuen Weltrekord aufstellen.

Erki Nool Gerd Kanter

Auch weitere begabte estnische Leichtathleten streben an die Weltspitze. Margus Hunt, der bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Peking sowohl den Diskuswurf als auch den Kugelstoßwettbewerb gewann, wurde im Jahr 2006 bei den unter 20-jährigen Leichtathleten zum besten der Welt gewählt. In Peking gewannen auch Kaire Leibak im Dreisprung und Marek Niit im 200-Meter-Lauf eine Goldmedaille. Die Chinesen waren über den Erfolg der Esten erstaunt und äußerten, dass Estland in der Leichtathletik ein großes Land sei.

Im Judo waren Indrek Pertelson und Aleksei Budõlin international sehr erfolgreich – sie gewannen bei der Sommerolympiade 2000 in Sydney jeweils eine Bronzemedaille, Indrek Pertelson wiederholte seinen Erfolg bei der Olympiade 2004 in Athen.

In Athen schlug endlich auch die Sternstunde des Ruderers Jüri Jaakson. Der 38-jährige Sportler, der bereits zum fünften Mal an einer Olympiade teilnahm, gewann endlich eine Silbermedaille. Vom Diskuswerfer Aleksander Tammert wurde eine Bronzemedaille nach Hause gebracht.

Die Sportwelt muss von allen nationalen, politischen, religiösen und rassischen Vorurteilen frei sein. Fans, die in jede Ecke der Welt reisen, um ihre Lieblinge zu unterstützen, werden zum Respekt gegenüber den Sportlern anderer Nationen angehalten, und dieses Ideal halten wir hoch. Der Austragungsort der Wettkämpfe im Skilanglauf in der Kleinstadt Otepää im malerischen Südestland ist häufig voller ausländischer Sportenthusiasten. Genauso wie in Holmenkollen in Norwegen, in Falun in Schweden und in Lahti in Finnland kann man hier die Flaggen vieler Nationen sehen. Otepää ist ein besonderer Ort, denn hier kann man miterleben, wie die Einheimischen nicht nur ihre eigenen Sportler ermuntern und unterstützen.

Der Skilanglauf hat für uns Esten eine besondere Bedeutung. In den schneereichen Wintern ist das Skilaufen ein Vergnügen für die ganze Familie. Den Kulminationspunkt der Skisaison stellt der 60 Kilometer lange Tartuer Marathon dar, der für tausende Skiläufer eine große Herausforderung ist, um ihre körperliche Verfassung auf dieser schweren Strecke auf die Probe zu stellen. Der Tartuer Skimarathon ist Bestandteil der internationalen Worldloppet-Serie. Im Jahr 2007 nahmen zum Beispiel Sportler aus 23 Ländern daran teil.

Sport bewegt nicht nur Menschen, sondern hat auch einen festen Platz bei der Förderung internationaler Freundschaft und Zusammenarbeit. Daher sind wir Esten glücklich und stolz, dass der Erfolg unserer Sportler auch für den Prozess der Verbesserung zwischenstaatlicher Beziehungen eine bedeutende Rolle spielt. 


Andrus Nilk
Sportjournalist

 

 

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