Estnisches Design

12.09.2007
Estnisches Kunstgewerbe und Produktdesign gewinnen von Jahr zu Jahr größere Aufmerksamkeit und internationale Anerkennung.
Um das Interesse für das Design in der Gesellschaft zu erhöhen und den 40. Geburtstag der Designerausbildung zu feiern, wurden die Jahre 2006 und 2007 in Estland zu Jahren des Designs erklärt.
Das grafische Design, das Design für Lampen, Möbel, Textilien, Schmuck und Bekleidung haben ihren Weg auf verschiedene Ausstellungen, Messen und den internationalen Markt gefunden.
"Elle Decoration", "Avantage", "ID", "Dwell" sowie andere französische, deutsche und US-Magazine veröffentlichten ausführliche und umfangreiche Titelstorys über estnische Designer und ihre Erfolge. Das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" bezeichnete Tallinn sogar als überraschende Hauptstadt des Designs. Diese Ehre verdanken wir den modern und stilvoll gestalteten Cafés und Gaststätten, Museen und SPA-Gesundheitszentren, hinter denen Innenraumgestalter wie Pille Lausmäe, Gert Sarv, Maile Grünberg, das Büro Pink, das Designbüro Laika, Belka & Strelka, die Familien Vaiklas u. a. stehen, die aus einer namhaften Schule hervorgegangen sind. Die Innenraumgestaltungen fallen durch ihr nordisches Ambiente, ihre durchdachte Konzeption und ihre innovativen Lösungen auf. Als Trend erwiesen sich in letzter Zeit die Betonung des Estländischen sowie die Einbeziehung ethnischer Elemente in die moderne Umwelt. Den Anstoß dazu gaben u. a. die Rektorin der Estnischen Kunstakademie, die Textilkünstlerin Signe Kivi, und die Schmuckkünstlerin Kärt Summatavet.
Die Branche mit dem umfangreichsten Designangebot stellt die Bekleidungs- und Textilindustrie dar. Die Marken Ivo Nikkolo, Monton, Bastion, Sangar und Klementi-PTA sind international stark im Kommen. Die in Zusammenarbeit mit Studenten der Estnischen Kunstakademie kreierte Marke Hula versucht den Durchbruch außerhalb Estlands zu erlangen.
Ungeachtet des hohen Exports von unverarbeitetem Holz nimmt die Möbelproduktion, ein vorrangiges und bereits mit Auszeichnungen bedachtes Gebiet der Designer, rasant zu. Für das innovative Produkt "Martins Tisch" erhielt der Designer Martin Pärn den international bedeutenden Preis "Roter Punkt". Besondere Aufmerksamkeit fanden auch Thulema (Designer Martin Pärn), T&T Mang (Designerinnen Tiina Mang, Kaisa Raidmets, Aet Seire), Standard (Designerin Katrin Soans), das Designerpaar Jan Graps und Ken Ruut, Lum (Designer Igor Volkov). Vielversprechend ist die neue Marke Fellin Furniture (Designer Sixten Heidmets, Designerin Sirli Põllumäe). Im Bereich der Lampenherstellung hat 4Room (Designer Tarmo Luisk) unumstritten die Spitzenposition inne.
Wettbewerbsfähig wurde die Dusch- und Badewannenindustrie mit zwei großen Firmen – Balteco (Designer Matti Õunapuu u. a.) sowie der etwas elegantere Aquator (Designer Sven Sõrmus und Villi Pogga). Auf dem Markt sind auch designbewusste Kleinunternehmen dieser Branche vertreten. Matti Õunapuu hat mit seinen langjährigen Erfahrungen geschickt eine Marktnische entdeckt – er gestaltet und produziert Skiboxen, darüber hinaus hat er auch einen Beitrag zur Autoindustrie geleistet.
Einen modernen Weg beschreitet auch das Kunstgewerbe, das eine lange Tradition hat und der Tiefe unserer nordischen Wurzeln entspringt. Schmuck- und Textildesigner testen die Grenzen zwischen traditionellem Kunstgewerbe und modernem Design; als Beispiel hierfür seien die Schmuckkünstlerinnen Anneli Tammik, Katrin Amos und Ülle Kõuts genannt. Neben traditionellen Textilprodukten werden Neuheiten von einer jungen Generation Textildesignerinnen angeboten, die innovative Lösungen offerieren. Die Arbeiten von Mare Kelpman, Annike Laigo, Monika Järg, Krista Leesi, Elna Kaasik u. a. beweisen ein hohes künstlerisches und technisches Niveau.
Das estnische grafische Design besitzt starke Wurzeln. Neben den alltäglichen Arbeiten, die der Schaffung des Firmenstils und der visuellen Identität gewidmet sind (Asko Künnap, Markko Karu u. a.), ist wieder das Künstlerplakat zum Leben erweckt worden (Markko Kekishev, Martin Pedanik, Ivar Sakk, Ruth Huimerind u. a.), und grafische Designer (Kristjan Jagomägi, Anton Koovit, Mart Anderson) suchen die Identität der estnischen Typografie. In Zusammenarbeit mit dem finnischen Hersteller Savcor Oy hat die Künstlerin Ilona Gurjanova eine ganze Serie grafischer Elemente für Kacheln geschaffen. Hinter der neuen starken Generation grafischer Designer stehen die Professoren der Kunstakademie Ivar Sakk ja Kristjan Mändmaa.
Immer mehr hat estnisches Design auch außerhalb Estlands Anerkennung gefunden. Der Ideenentwurf "Roundelay" der Glaskünstlerin Tiina Sarapu erhielt auf dem italienischen Wettbewerb "Trieste Contemporanea Design Contest" den Hauptpreis. Der Student der Estnischen Kunstakademie, Riho Tiivel, erhielt mit seinen Alulöffeln den Hauptpreis des internationalen Designwettbewerbs "ReAL 13".
Auf der Messe für Haushaltswaren Macef im Jahr 2006 in Mailand wurde dem Designstudenten der Estnischen Kunstakademie, Pavel Sidorenko, der Massimo-Martini-Preis verliehen.
Seit dem Jahr 2000 fanden außerhalb Estlands Ausstellungen estnischen Designs im Designmuseum und mehrmals im Design Forum Helsinki, dreimal auf der Designbiennale in St. Etienne sowie auf dem internationalen Designfest "DesignMai Berlin" und im Kommunikationsmuseum Berlin statt. Im Design Center Stuttgart fand in diesem Jahr zum siebten Mal die internationale Designkonferenz "Face to Face" statt, auf der Estland seine Erfolgsstorys abwechselnd mit den deutschen Kollegen vorstellte. Neben der Ausstellung über die Design- und Architekturerfolge wurden auch andere Kulturbereiche präsentiert: kulinarische Kunst und Jazzmusik.
Seit mehreren Jahre wird das estnische Design Frankreich präsentiert. Mit staatlicher Unterstützung nimmt der Verband Estnischer Designer zum vierten Mal mit einer Kollektion an der Messe Maison&Objet/now! teil.
Mit Unterstützung von elf finnischen Unternehmen haben elf estnische Designer und Hersteller das Projekt "Baltic Design & Interior Network" realisiert, dessen Ziel es war, das Designbewusstsein estnischer Unternehmen zu vertiefen und ihre Zusammenarbeit mit Designern voranzutreiben. Im Zuge der Zusammenarbeit wurden zehn neue Produkte fertiggestellt, die in Ausstellungen in Estland und auch in Finnland gezeigt wurden.
Die Zusammenarbeit mit den Finnen wird mit der Suche nach einem Konzept für ein "Intelligentes Hotel" fortgesetzt. Die Ideen und Prototypen werden in einer Ausstellung Ende 2007 präsentiert.
Von 21. bis 23. September 2007 wurde in Tallinn das Festival "Art & Lights in Tallinn" durchgeführt. Das Festival fördert das kreative Schaffen in allen kulturellen Bereichen wie Film, Kunst, Musik und Theater. Höhepunkt des Festivals war die "Designnacht" ("DisaniÖÖ") am 21. September, die bereits zum zweiten Mal und diesmal noch umfangreicher das estnische Design präsentierte. Einen Überblick über das estnische Design konnte man in den exotischen Türmen der Stadtmauer und in einem verlassenen E-Kraftwerk "Kulturkessel" ("Kultuurikatel") bekommen. Im Rahmen des Festivals wurden die Gewinner des Wettbewerbs "Collapsibles" [platzsparende Gegenstände] nominiert und die ausgezeichneten Werke in einer Ausstellung gezeigt. Die beiden Projekte "Art & Lights in Tallinn" und "DisainiÖÖ" gehören zum Programm von "Tallinn – Kulturhauptstadt Europas 2011".
Alle zwei Jahre wird der Designerpreis "Bruno" verliehen.
Da die Esten über kein eigenes Designzentrum verfügen, sind die ersten Schritte in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung von Tallinn zur Gründung eines Design-Clusters unternommen worden.
Ilona Gurjanova Vorsitzende des Verbandes Estnischer Designer
 
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